Let’s talk about Money: Crowdfunding für Frauen – Interview mit Ilona Orthwein


Ilona Orthwein bei einem Crowdfunding-Vortrag

Crowdfunding liegt als alternative Finanzierungsform im Trend. Ilona Orthwein gilt als eine der wenigen weiblichen Expertinnen im D-A-CH-Raum für Crowdfunding. Sie hat seit 2012 über 100 Crowdfunding-Projekte beraten, hält regelmäßig Vorträge und gibt Workshops und Webinare zum Thema und schreibt Artikel. 2014 hat sie unter dem Titel „Crowdfunding – Grundlagen und Strategien für Kapitalsuchende und Geldgeber ein wichtiges Ratgeber-Buch zum Thema geschrieben. Am 29.3. steht die Expertin im GUZSZ Unternehmerinnen und Gründerinnen zu Beratungen zum Thema Crowdfunding bereit.

Frau Orthwein, könnten Sie für alle, die es noch nicht wissen, in wenigen Sätzen umreißen, was Crowdfunding ist?

Ich will es versuchen. Crowdfunding ist beschreibt verschiedene Kollektivfinanzierungsformen über das Internet. Dabei geben Individuen überschaubare Einzelbeträge,und finanzieren so ein großes Projekt.

Man kann grundsätzlich vier Hauptformen unterscheiden: Erstens Crowddonating – hier erfolgt die Geldspende ohne materielle Gegenleistung. Zweitens. Crowdsponsoring auch „reward based Crowdfunding“ oder einfach nur Crowdfunding genannt. Hier erhält der Geldgeber eine Gegenleistung erhält, zum Beispiel. das Produkt, das so zustande kommt oder vielleicht auch eine bestimmte Ehrung, wie die Nennung seines Namens im Zusammenhang mit dem finanzierten Projekt.

Des Weiteren kennen wir das Crowdlending, wo aus Kleinbeträgen zusammengesetzte (Mikro-)Darlehen direkt vergeben werden. Diese werden verzinst und sind innerhalb von max. 5 Jahren zurückzuzahlen.

Als vierte wichtige Säule hat sich das Crowdinvesting oder „Equity Crowdfunding“ etabliert. Hier werden Mikroinvestoren entweder echte Teilhaber in einem Unternehmen z. B. durch Anteilserwerb an einer GmbH oder UG oder Aktienerwerb bei einer AG (= Equity based Crowdinvesting), oder sie stocken dessen Eigenkapitalausstattung über so genannte mezzanine Finanzierungsformen, wie den Kauf von Genussrechten oder die Einbringung partiarischer Nachrangdarlehen auf (=Lending based Crowdinvesting).

Ist Crowdfunding eine gute Finanzierungsmöglichkeit für Unternehmerinnen?

Die Anfänge von Crowdfunding liegen zwar im gemeinnützigen und künstlerisch-kreativen Bereich, aber inzwischen ist Crowdfunding zunehmend ein wichtiges Tool zur Unternehmensfinanzierung geworden. Über die Variante „reward based“ werden Vorverkäufe von Produkten möglich, von denen es erst einen Prototyp oder auch nur einen „Dummy“ gibt. Durch einen erfolgreichen Vorverkauf kann dann die Produktion des Produkts finanziert werden. Gleichzeitig dient diese Maßnahme dem Marketing, und es ist für ein Unternehmen immer ein Prüfstein. Wir Fachleute nennen das Proof of Market oder Proof of Concept.

Aber nicht nur Produkte werden so finanziert. Der erste Berliner Supermarkt ohne Verpackungen – „Original unverpackt“-, der im September 2015 in Berlin öffnete, erhielt über 100.000 € über eine Crowdsponsoring-Kampagne – so wichtig war den Menschen offenbar das Zustandekommen dieses Angebots.

Dahinter stehen übrigens zwei Frauen. Auch hinter dem Jobsharing-Portal Tandemploy stehen zwei Unternehmerinnen, und auch hier kam eine ordentliche Summe – über 18.000 € – zur Finanzierung des Geschäftsaufbaus über Crowdfunding zusammen. Auch mein erster persönlicher Crowdfunding-Fall war eine Jungunternehmerin, die sich über Crowdfunding ihre Geschäftseinrichtung von ca. 12.000 € finanzierte. Frauen sind also durchaus sehr erfolgreiche Crowdfunderinnen. Mich wundert das nicht. Denn Anita Woolley, Professorin an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh /USA, hat herausgefunden, dass sich die kollektive Intelligenz einer Gruppe signifikant erhöht, wenn mindestens zwei Frauen mit an Bord sind. Und in der Crowdfunding-Forschung hat man herausgefunden, dass Frauen überdurchschnittlich erfolgreich sind. Denn Crowdfunding hat eben viel mit Beziehungsmanagement und Kommunikation zu tun – also Fähigkeiten, die wir Frauen gut beherrschen.

Nach wie vor ist jene Crowdfunding-Szene,wo das meiste Geld umgesetzt bzw. verdient wird, aber ebenso von Männern beherrscht, wie die übrige Wirtschaftswelt. Die Frauenquote bei Crowdinvesting-Projekten im 5-bis 7-stelligen Bereich ist sehr gering.

Mein Wunsch wäre es, dass Frauen hier mehr als bisher die Chancen begreifen und für sich nutzen.

Empfehlen Sie Crowdfunding prinzipiell jeder Gründerin oder Unternehmerin, die Kapital braucht?

Pauschale Empfehlungen kann niemand geben. Grundsätzliche Bedingung für den Crowdfunding-Erfolg ist, dass man ein belastbares Geschäftskonzept hat. Das Angebot sollte zudem eine über das Internet erreichbare entsprechend große Gruppe („crowd“) ansprechen.  Ein Web 2.0-gerechtes Kommunikationskonzept braucht es natürlich auch.

Bei diesen Dingen helfen meine Kolleg/innen und ich natürlich gerne, wenngleich natürlich als professionelle Fachberaterinnen nicht unentgeltlich. Allerdings  gibt es Fördermittel, die man für eine Unternehmensberatung einsetzen kann, die sich mit Crowdfunding und anderen alternativen Finanzierungsmöglichkeiten beschäftigt. Interessierte können sich jederzeit unter 030-78006874 oder mobil unter 0151-52268129 an mich wenden. Meine nächsten Webinar-Angebote zum Thema Crowdfunding finden Sie in Kürze übrigens unter https://www.edudip.com/academy/ilona.orthwein. Und natürlich würde ich mich freuen, wenn viele Frauen mein GUZSZ-Angebot am 29.3.2017 wahrnehmen würden.

Frau Orthwein, wir bedanken uns sehr für das aufschlussreiche Gespräch.

Crowdfunding: Grundlagen und Strategien für Kapitalsuchende und Geldgeber
Autorin: Ilona Orthwein
Igel Verlag RWS 2014, Hamburg, 2014
24,99 EUR
ISBN: 978-3-95485-102-7

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